Mein Reverse Culture Shock in Deutschland – trotz paradiesischem Wetter! Erst wenn man mal weg war sieht man sie, diese kauzigen Alltags-Macken des eigenen Landes… 😉

Mir war klar, dass ich mich erst mal wieder an Deutschland gewöhnen muss nach 6 Monaten an den schönsten Plätzen am anderen Ende der Welt, und dass es sicher einen kleinen „Kulturschock Deutschland“ geben wird. Um es vorweg zu nehmen: Meine Ankunft war sehr schön, es ist toll alle Freunde und die Familie wieder zu sehen und Deutschland hat mich mit Königswetter empfangen. Alles in allem genieße ich es mal wieder hier zu sein.

Trotzdem: Erst als Rückkehrer wird einem klar wie umständlich und kauzig vieles in der Heimat für Ausländer anmuten muss. Im Ausland hatte ich mich sehr mit meiner deutschen Herkunft identifiziert. Lustigerweise ist man auf Reisen deutlich „deutscher“ als zu Hause. Weil man sich andauernd mit dem Thema Herkunft und kulturelle Unterschiede befasst. Und vergleicht und darüber diskutiert. Das ist spannend. Und bis auf das Wetter, mit dem wirklich grausamen dunklen und nassen Winter (!) und dem fehlenden Meer (na ja, also Meer in dem man baden kann), kam mein Heimatland eigentlich bei vielen Vergleichen gut weg. Die Bewunderung für Deutschland als starke Wirtschaftsmacht ist auch ziemlich groß in der Welt. Und Europa ein Sehnsuchtsziel für ganz viele. Das war auch interessant und gut zu hören.

“When overseas you learn more about your own country, than you do the place you’re visiting.” – Clint Borgen

 

Aber – kaum in Deutschland holt sie einen ein, die deutsche Bürokratie, die Regeln, das in mancherlei Hinsicht Vor-Steinzeitliche und die doch öfters wirklich nicht sehr positive Art der Deutschen (nein nicht alle… aber jaaa es stimmt schon, sorry!).

Ich komme also an, habe noch keine Euro in der Tasche und gehe mit meiner „normalen“ Weltreise-Geldbörse zum Supermarkt. Ich habe schon angefangen Sachen in den Wagen zu werfen. Da fällt mir ein, dass ich ja „nur“ eine Kreditkarte dabei habe. Ich checke also schnell mal an der Kasse – und NEIN Kreditkarten nehmen wir hier nicht. EC nur ab 10 Euro. Puh! Hatte ich tatsächlich total vergessen. Überall in der Welt (selbst auf Fidschi!) kann man im Supermarkt mit einer schnöden Kreditkarte zahlen. Aber nein, nicht in Deutschland. Ich fahre heim, finde zwar meine EC Karte, habe den PIN aber vergessen und gebe das Einkaufen für den Tag erst mal auf.

Mein erster Tag in Düsseldorf. Ich will mit der Bahn zur Kirmes fahren. Mittlerweile habe ich 50 Euro in der Tasche. Die Bahn kommt und ich erinnere mich, dass ich ja nur mit Kleingeld am Automaten in der Bahn bezahlen kann. Ach ja und Geldkarte (was um aller Welt ist eigentlich eine Geldkarte?! Das Prinzip hab ich noch nie verstanden…). Ahhh! In den USA kann ich jedes Parkticket am Automaten mit Kreditkarte zahlen. Ich laufe zum nächsten Kiosk, will mir eine Cola kaufen um Geld zu wechseln, der Verkäufer moppert „50 Euro kann ich nicht wechseln!“. Ich bin spät dran. Laufe in den Edeka. Kaufe eine Cola Light und Kaugummis, aber muss dafür 10 Minuten an der Kasse warten. Immerhin, in diesem Edeka gibt es seit allerneuestem zwei Self-Check-Out Kassen (in anderen Ländern Standard). Schon mal ein Schritt in die richtige Richtung, denke ich mir. Und renne zur Bahn, weil alle schon auf mich warten. Deutsche Pünktlichkeit hab ich auch nicht mehr so drauf 😉

Auf der Kirmes ist es wie immer: Laut, voll, alles blinkt. Aber das ist ok. Ich komme ja gerade aus der Grossstadt. Nur die deutsche Musik im Open-Air Zelt ist schon sehr hart. Fühlt sich an wie Karneval und Après-Ski zusammen. Ich mochte deutsche Musik noch nie. Es ist trotzdem lustig. Es ist warm. Wie finde ich wunderbar warm. Aber die Leute meckern. Warum um alles in der Welt beschwert ihr euch denn über Wärme? Würden alle Firmen endlich mal Klimaanlagen einbauen, könnte man auch als Deutscher im Sommer gescheit arbeiten. Ach ja und die Bahnen. Es ist ziemlich abartig, wie heiss es in der Bahn wird. Vielleicht ist die Klimaanlage auch nur ausgefallen. Und ansonsten ist das doch einfach nur schön, dass es hier mal wirklich und echt Sommer ist! Winter wird doch schnell genug wieder. Ich kann es nicht verstehen. Vielleicht gehöre ich einfach wirklich in wärmeres Klima, denke ich mir. (Ach ja, warum die Freibäder ausgerechnet im Sommer ihre Becken renovieren verstehe ich auch nicht. Ihr?)

Dann die Sache mit der Bürokratie. Ich habe meine SIM Karte irgendwo unterwegs verloren. Zu oft neue Karten in den Ländern eingelegt. Habe mir noch am letzten Tag unterwegs eine neue bestellt. 5 Tage Lieferzeit. Weil ich denke es wäre gut erreichbar zu sein, hole ich mir bei ALDI eine SIM Karte von Aldi Talk. Man legt sie ins Handy und kann… los telefonieren? Nein. Man muss sich erst mal online registrieren und dann die Identität verifizieren. Eine Lady begutachtet mich und meinen Ausweis persönlich über einen Video-Chat. Ausweis höher, nochmal etwas drehen, knicken und neben das Gesicht halten. Nicht lächeln. Danke. Schnelle Internetverbindung und deutsche Sprachkenntnisse mal vorausgesetzt dauert das Ganze 15 min. Es dauert dann nochmal 3 Stunden bis die Nummer geht. Juchuh, 10 Euro Guthaben sind drauf. Ich setzte mich ins Auto und fahre los, habe 2 Stunden Fahrt vor mir. Irgendwie scheint sich das Handy ins Internet zu wählen und nach 10 min Fahrt bekomme ich eine SMS mit „dein Guthaben ist aufgebraucht“. AHHHHH. Ich versuche das Guthaben aufzuladen. Aber im Gegensatz zu allen anderen Ländern in denen ich war, ist das ohne externe Internet-Verbindung nicht möglich. Ich halte an der Raststätte. Wähle mich in einen Hotspot ein. Freue mich, überhaupt einen gefunden zu haben. Ich lade brav die App runter. Trage 5 Minuten lang all meine Daten ein. Will aufladen. Aber nun muss ich erst mal einen Betrag X überweisen. Mit der SEPA Mandatsreferenz T0090001000000612752097. Kein Scherz. Freischaltung bis zu 24 Stunden. Ich gebe auf und rufe von der Telefonzelle aus meine Freundin an, bei der ich heute übernachten will. Immerhin kann man in der Telefonzelle mit Kreditkarte zahlen, sonst hätte ich wieder Kleingeld tauschen müssen. 5 Tage und zahllose Aktivierungen und Wartezeiten später habe ich wieder meine alte Handynummer und kann endlich telefonieren. Das hat überall anders in der Welt maximal 10 Minuten gedauert. Ich liebe es. 🙂

Ach ja und um wieder in die Krankenkasse aufgenommen zu werden, muss ich auch das Wochenende mit zahlen bevor ich mich anmelden konnte (weil Wochenende) – aus reinem Prinzip. Ich war ja gar nicht krank. Egal. Ok 30 Euro für nichts. Auf der Arbeitsamt-Online Webseite kann man nicht mit dem Safari Browser von Apple arbeiten. Steht aber nirgendwo. Ich drücke 30 mal auf den „Ausführen“ Button, und nichts passiert. Die Dame am Telefon, auf die ich 10 Minuten in der Warteschleife gewartet habe, erklärt mir pampig, dass die Seite beim Safari Browser nicht lädt. Na gut, schön zu wissen. Ich rate ihr sie solle das mal ändern, das sei ja wohl nicht zeitgemäß. Sie sagt mir, ich müsse eben einen anderen Browser runterladen. Aber bitte heute noch fertig machen.

Und wo wir schon bei pampig sind. Es ist mir tatsächlich passiert, dass Menschen aus dem Nichts auf mich zukommen und Meckern. Eine Frau fragte mich beim Warten in einer Schlange „Haben sie das auch mitbekommen, jetzt fliegen hier überall Drohnen über die Häuser und Strassen. Das ist doch unmöglich. Das geht doch nicht. Oder? Sagen sie doch mal was.“ Äh ja. In jedem anderen Land kommen die Menschen normalerweise nur auf einen zu, um freundlichen Small Talk zu betreiben. Haha. Selbst im Restaurant wurden wir angemotzt als wir getrennt zahlen wollten: „Nee geht nicht, dann trennt das mal selber!“. Zack und weg war die Dame. Hatte sich dann noch um 3 Euro vertan am Ende. Und war dann wieder zuckersüss. Trinkgeld hat sie keins bekommen. Aus Prinzip. Ich bin wirklich verwöhnt vom Service anderswo und werde langsam selber wieder sehr deutsch. Aus Prinzip.

Puh, und ich bin tatsächlich erst seit ein paar Tagen wieder hier….

Aber wie gesagt, ihr Lieben. Ich mag Deutschland ansonsten. Ehrlich. Es geht uns hier im Vergleich zu vielen anderen Ländern echt gut. Wirklich, wirklich sehr gut!! Keiner muss hungern, es gibt ein soziales Netz (habt ihr im reichen San Francisco mal die ganzen Penner in den Zelten in den Parks gesehen ?!), Sicherheit (kein Krieg!), genug Jobs (ja das ist nicht überall so…), genug Urlaubstage (in Japan nur 5 und die nimmt keiner! Es gibt sogar ein extra Wort für Tod durch Überarbeitung…), die Freiheit sich selbst zu verwirklichen (auf Fidschi geht die Familie vor allem, eine meiner Betreuerinnen sah ihren Verlobten nur einmal im Jahr) und noch viel mehr was hier gar nicht so schlecht ist. Ich frage mich nur warum manches so extreeeeem umständlich ist (mal im Ernst, alle Reisenden in Deutschland tun mir wirklich leid!) und warum wir uns selber immer alles so schlecht reden und ständig am moppern sind.

Zum Beispiel über das wundervolle Sommerwetter. Frei nehmen, Badehose einpacken und ab an den See und ein Eis essen! Und ein bisschen netter Smalltalk z.B. mit dem Bademeister schadet auch niemandem. 

Ja es gibt ihn also den Reverse Kulturschock Deutschland… Aber hey, das Leben hier ist gar nicht sooo schlimm, zumindest nicht im Sommer 😉

⇒ Willst du mehr über meine Reise wissen. Jetzt lesen: Mit 37 auf Weltreise. Zu alt?

⇒ Nach ein paar Wochen zu Hause hier mein Resümee, was daheim auch ganz schön ist….

⇒ Wie es weiterging: Ich bin wieder losgezogen, 6 Monate waren einfach nicht genug!!

⇒ Und der ganz neue Lebensabschnitt: Unter Digitalen Nomaden. Arbeiten und Reisen als Option?

 

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3 thoughts on “Kulturschock Deutschland nach 6 Monaten Weltreise”

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