Bin ich heimatlos? Wo ist mein Zuhause? Will ich weiter als „Nomade“ leben oder doch mal wieder an einem Ort ankommen? Und wie definiert man Zuhause eigentlich? Oder definiert das jeder selber?

Nun bin ich seit über vier Monaten wieder in Deutschland (nach 15 Monaten on-the-road), pendle zwischen einer Zwischenwohnung in Berlin und meiner alten Wohnung in Düsseldorf. Und beschäftige mich in letzter Zeit öfter mit der Frage wo mein „Zuhause“ ist. Mir wird auch öfter diese Frage gestellt. Ob ich jetzt in Deutschland bleibe. Und ich frage mich, wo ich denn sein wollte, wenn ich es völlig frei wäre auszusuchen könnte. Habe ich Wurzeln zu denen ich zurück kehren will? Wie sehr will ich eigentlich „Nomade“ sein? Und wie wichtig ist es mir eine festes Zuhause zu haben? Das sind auch Fragen mit denen sich viele der Menschen beschäftigen, die einmal eine längere Zeit im Ausland waren oder sogar schon lange ein Nomadenleben führen…für einige gar nicht so einfach.

Ich selbst kann diese Fragen gerade auch gar nicht soo super easy beantworten, deshalb treibt sie mich um. Ich googele ein bisschen im Internet um mir Inspiration zu dem Begriff „Zuhause“ zu holen. Ich lese „Ein Ort, an dem man ein Grundgefühl von Geborgenheit spürt. Die Verbindung von räumlicher und sozialer Sicherheit.“ „Oft sind es Orte, mit denen uns emotional etwas verbindet“. „Zuhause ist wo man sich wohl und angekommen fühlt“. „Sich nicht fremd fühlen sondern wohl und geborgen“. Es ist also das Gefühl von Geborgenheit. Angekommensein. Dort wo man sich nicht einsam fühlt. Sich sicher fühlt.

Und ich überlege: Als ich im April zurück kam, war es zwar total schön Freunde und Familie wieder zu sehen. Und es war ein Gefühl von warmer Freude und Geborgenheit. Aber mein Herz hing noch in Los Angeles. An der View auf die Hollywood-Hills, der Mittagspause am Venice Beach mit den Füssen im Sand, die endlosen zuckerwattefarbenen Sonnenuntergänge zwischen den lang gestreckten ikonischen Palmen, die die Strassen dort säumen. Sicher auch an den Menschen, die ich dort kenne. Es war einfach ein Ort an dem ich mich sehr wohl gefühlt habe. An dem ich mich ein Stück weit zuhause gefühlt habe. Wieder in Deutschland war ich fast direkt in Berlin, eine mir völlig fremde Stadt. Es war ein paar Wochen sehr kalt und nass und ich habe mich ehrlich gesagt gar nicht zuhause gefühlt, auch wenn die Menschen um mich herum deutsch gesprochen haben. Ich wieder in meiner eigenen Kultur war. Es war so gar nicht schön, es war grau und ich habe mich jeden Morgen am liebsten wieder wegbeamen wollen… Dazu kam: Ich habe anfangs die Freiheit des Reisens sehr vermisst. Jeden Tag einfach nur ich sein zu können ohne eine bestimmte Rolle spielen zu müssen.

„Mittlerweile habe ich Frieden geschlossen. Mit Deutschland. Mit Berlin. Mit meiner Zeit hier.“

Ja das habe ich. Ich bin angekommen und fühle mich wieder wohl. Ich bin gerade neben Berlin (was ich übrigens sehr cool und spannend finde) oft in Düsseldorf… in Frankfurt… war die letzten Monate in Prag, Riga und Formentera und bin und überhaupt auch wieder sehr oft unterwegs. Ich liebe es in Deutschland und Europa all die Menschen wieder zu sehen, mit denen ich lange nur aus der Ferne Kontakt hatte. Auch wenn die Zeit, die wir haben immer scheinbar zu knapp ist. Ich kann den kleinen Luxus des Alltags wertschätzen. Über die heisse Dusche aus meinem Raindancer-Duschkopf freue ich mich noch immer jeden Morgen (so geil!). Über eine gut funktionierende Kaffeemaschine in der Küche auch. Über einen echten Kleiderschrank, auch wenn er nur viertel voll ist. Ein Bad, wo ich meinen Kulturbeutel und all meine Dinge einfach liegen lassen kann. Der Kulturschock hat im Vergleich zum letzten Jahr, wo ich ja auch kurz zurück war, diesmal sehr viel kürzer gedauert. Auch wenn es etwas härter war, weil ich wieder angefangen habe in einem Büro zu arbeiten und mich der „echten“ Arbeitsrealität wieder stellen musste. Die aber auch ehrlich gesagt völlig ok ist. Aber diesmal wusste ich ja schon was mich grob erwartet und war mental auf den „Reverse Culture Shock“ besser eingestellt.

„Ein schöner Effekt: Nach dem Reisen fängt man an die kleinen Dinge eines normalen Alltags einfach mehr zu schätzen!“

Wie gerne sitze ich heute bei Freunden auf der Couch. Einfach bei jemandem zu Hause. Wie gemütlich das ist! Und ja geborgen. Angenehm. Wie schön, wenn man einfach mal so vorbei kommen kann. Wenn man willkommen ist. Wie wunderbar ist es auch mit meiner Mama einfach so über die Wiesen hinterm Haus spazieren zu gehen. Zu reden, sich zu umarmen einfach wenn einem danach ist. Die Familie um sich zu haben. Ein leckeres Essen auf der Terrasse bei einem kühlen Weinchen. Ja es ist schön und vertraut hier zu sein. Es ist voller toller Momente. Und das in Deutschland, im Alltag. Und ich bin ehrlich gesagt viel dankbarer für all das, als ich es jemals zuvor war. Manchmal muss man vielleicht wirklich eine Weile weg sein um besser schätzen zu können, was man hat(te). Und an alle Düsseldorf-Lover: Ja, die Stadt, in der ich die letzten Jahre gelebt habe, ist wohl auch die City, die sich für mich im Moment noch am ehesten nach Heimat anfühlt. Hier kenne ich einfach jeden jeden Winkel, jedes Eckchen und habe viele Freunde. Und ich mag es einfach unheimlich gern, dieses vertraute Gefühl an jeder Ecke, all die Erinnerungen, die in dieser Stadt für mich stecken (auch wenn sie nicht alle uneingeschränkt positiv sind nach 9 intensiven Jahren).

Meine Erkenntnis der letzten Tage: Genauso schnell wie man sich (oder zumindest ich mich… vielleicht ist das auch eine Kunst, frage ich mich manchmal…?) in der Ferne zurechtfindet, so kann man sich also auch in der alten Heimat wieder wohlfühlen. Die Freiheit, die man sich in der Ferne erhofft, die kann man tatsächlich immer bei sich haben. Man ist so frei, wie man sich frei macht. Im Kopf. Im Herzen. Reisen und diese Freiheit einfach unabhängig in der Welt unterwegs zu sein, sind unglaublich toll! Keine Frage. Für mich das Beste, was mir jemals passiert ist. Aber man kann auch daheim frei sein. Dazu muss man nicht ans anderen Ende der Welt reisen. Wenn man an die Freiheit seiner Gedanken glaubt. Und sich nicht wieder selber einengt, nur weil andere um einen herum enger denken als man selbst. Es ist schwerer, finde ich. Aber machbar.

„Man ist so frei, wie man sich frei macht!“

Aber Moment, heisst das nun, dass ich in Deutschland bleiben will? Wäre es dann nicht an der Zeit nun hier mal wieder Wurzeln zu schlagen. In Düsseldorf dann vielleicht? So wirklich? Nee. Gerade habe ich meine Wohnung wieder zur Zwischenmiete online gestellt. Immerhin nur zur Zwischenmiete, ich kann also noch immer zurück. Ich geniesse das hier und jetzt, aber so wirklich 365 Tage im Jahr (minus ein paar Wochen Urlaub) mag ich gerade nicht an einem Ort sein. Nicht in Berlin. Nicht in Düsseldorf. Dafür ist die Welt zu gross und zu schön und ich habe zu viele Träume, die ich nicht mehr das ganze Jahr in einem jeden-Tag-ins-Büro-und-aufs-Wochenende-freuen-Alltag leben kann. Und vor allem: 5 Monate jährlich Schmuddelwetter möchte ich einfach auch nicht mehr erleben. Manch einer lächelt müde wenn ich das sage. Wer will das schon wirklich? Aber ich sehe es nicht mehr ein, dass „der Winter eben dazu gehört“. Gehört er nicht. Das ist eine Frage der eigenen Entscheidung und der Prioritäten im Leben.

Und eine weitere sehr befreiende Erkenntnis hatte ich: Nicht nur die Freiheit trägt man im Herzen, auch die Heimat trägt man im Herzen. Ich brauche tatsächlich aktuell kein Zuhause im klassischen Sinn. Sicher ist es schön, nicht ständig Ein- und Auspacken zu müssen. Und all die kleinen Dinge, die ich oben aufgezählt habe, sind auch mega klasse. Die eigenen Möbel um sich rum haben ist auch ganz wunderbar. Und ich könnte nicht dauerhaft und immer nur Reisen und aus dem Koffer leben, das ist mir auch klar. Es ist vor allem auch schön seine alten Freunde nah zu haben. Aber ehrlicherweise liebe ich es gerade genau so wie es ist. Ich fühle mich dabei nicht wurzellos. Es gibt gerade nicht DEN Ort an dem ich für immer, oder sagen wir mal die nächsten Jahre, bleiben mag. Vielleicht kommt er. Es gibt auf jeden Fall Anwärter auf mögliche Home Bases 🙂  Aber es ist mir gerade auch nicht so wichtig. Es hat eigentlich keine Relevanz, solange ich im Hier und Jetzt genau da bin wo ich sein will. 

„Auch die Heimat trägt man im Herzen!“

Die Quintessenz dieser Zeilen ist also: Freiheit trägt man im Herzen. Und im Kopf. Und sein Zuhause kann man auch im Herzen tragen (ja gut nicht die geile Dusche, aber du weisst was ich meine…). Heimat ist für mich vor allem ein Gefühl. Ein Gefühl was ich habe, weil ich mich an diesem  Ort wohl und geborgen fühle. Einen entscheidenen Faktor spielen dabei immer die Menschen um mich herum. Aber auch eine schöne Umgebung hilft mir beim Wohlfühlen…. und ja gutes Wetter und ein Meer in der Nähe. Und ich hatte das Glück überall in der Welt auf wunderbare Menschen zu treffen. Aber auch Freunde und Familie aus der Heimat können einem nah sein, wenn man mal eine Weile in der Ferne ist, der modernen Technik sein dank.

Ich merke, auch bei der Diskussion darüber: Zuhause und die Bedeutung davon definiert dann doch jeder selber und man kann es auch immer wieder neu definieren. Und immer wieder finden. Nichts ist unverrückbar. Fremde kann Heimat werden, eine ehemalige Heimat kann auch irgendwie fremd werden. Und für mich das Wichtigste: Man kann immer und überall bei sich selber ankommen. Und eine innere Heimat haben, die man liebt. Wenn man die nicht hat, dann fühlt man sich wahrscheinlich auch nirgendwo Zuhause.

Und noch eines meiner ganz großen Learnings der letzten Monate: Man muss nicht immer genau wissen was übermorgen ist. Man muss nicht immer einen fixen Plan haben. WO man sein wird, WAS man tun wird. Sondern darf einen Schritt nach dem anderen gehen. Schritte, die sich gut und stimmig anfühlen… und die besten Abenteuer und Zufälle passieren dann eh unterwegs…

Wo ist dein Zuhause? Deine Heimat? Wie würdest du das für dich definieren? Siehst du das ganz anders als ich? Lass uns dazu diskutieren, schreib einen Kommentar dazu. Es würde mich total interessieren wie andere Menschen ihr „Zuhause“ sehen. Was wichtig ist und was nicht… 🙂 


⇒ Dich interessiert wie es nicht nur mir ging mit dem „Heimkommen“ nach einer Weltreise? Ich habe 8 Heimkehrer interviewt und sie haben berichtet… lies hier! 

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⇒ Oder mein erster Kulturschock nach den ersten 6 Monaten auf Reisen…, der war hart!

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