Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne… Wieso Reisen und Ortswechsel uns so gut tun!

Es ist ein sonniger Mittwochmorgen in Barcelona. Ich bin seit 10 Tagen in der Stadt. Habe noch fast 3 Wochen vor mir. Gerade laufe ich die belebte Gran Via de les Corts Catalanes entlang in Richtung meiner Sprachschule. Schon am ersten Tag habe ich mir angewöhnt, auf meinem morgendlichen Weg auf dem Weg zur Schule Musik zu hören, weil es mir tatsächlich einfach ein bisschen zu laut ist auf den grossen Strassen dieser Stadt. Aber mit Musik auf den Ohren ist es schön. Ich habe mich heute morgen für spanische Musik entschieden. Irgendeine Playlist auf Spotify. Ich habe einen Café con Leche in der Hand und genieße den warmen Kaffee.

Und wie ich so dem neuen Tag entgegenlaufe, die breite Gran Via betrachte mit den ganzen Autos, den vielen Menschen, den majestätischen Bäumen, den spanischen (oder eigentlich besser katalanischen) Strassennamen und den schönen grossen alten Gebäuden rechts und links, da habe ich plötzlich einen Gedanken, den ich schon öfters hatte in den letzten Monaten: Man erfindet sich DOCH neu an jedem neuen Ort, an dem man ist! Und dieses Gefühl macht mich glücklich. Ich bin dankbar für diese Erkenntnis und dafür, dass ich es in den letzten Monaten so oft erleben durfte. 

Insbesondere in Großstädten, in denen ich mir potentiell vorstellen könnte zu leben, habe ich es immer wieder. Hier bin ich Barcelona-Nina. Aber dieses Jahr war ich auch Melbourne-Nina. Und ich war Sydney-Nina . Tokio-Nina. Und ich war besonders auch L.A.-Nina und ein bisschen auch San Francisco-Nina. Irgendwie verrückt denke ich. Und je länger ich drüber nachdenke, desto spannender finde ich diese Erkenntnis. 

Ich komme in einer Stadt an, brauche ein paar Tage um mich zurecht zu finden und baue mir dann meinen kleinen Alltag auf. Cafés, in die ich immer wieder gehe, denn Supermarkt um die Ecke, die üblichen Wege und das Metrosystem erkunden, die wichtigsten Orte einmal anschauen. Leute kennenlernen und sich sowas wie einen kleinen Freundeskreis aufbauen. All das hab ich in diesen letzten 10 Tagen hinter mir. Rachel, meine nette Yogalehrerin ist eine Freundin geworden, meine Mitbewohner laden mich zum Gin Tonic und zum Essen ein, über verschiedene Facebook Gruppen habe ich interessante Leute zum Networken kennengelernt, in meiner Sprachschule finden sich auch neue „Freunde“ oder zumindest Menschen mit denen man mal ein Bierchen trinkt. Ich würde sie eher als Kollegen bezeichnen. Ausserdem kenne ich eh schon ein paar nette Menschen, die hier wohnen noch von früheren Reisen. Ehrlich – mir war ganz und gar nicht langweilig. Im Gegenteil. Mein Barcelona Alltag ist aufregend… und lustig …und lecker (ich liebe Tapas…und es gibt hier sooo viele tolle Restaurants!)… und ich lerne und erlebe so viel Neues jeden Tag! 

Und schwups bin ich Barcelona-Nina geworden. Und all die Sorgen und Gedanken, die ich noch vor ein paar Wochen in Deutschland hatte sind plötzlich ganz klein geworden. Gedanken, die sich um mein Leben in Deutschland gedreht haben. Oder der Frage, mit was ich irgendwann mal wieder mein Geld verdienen will 😉 . Es ist nicht so, dass ich die Gedanken nicht mehr denke. Aber sie sind woanders. Sie nehmen nicht mehr soviel Raum ein. Sie werden sich schon irgendwie lösen lassen… es wird irgendwo eine gute Option auf mich warten.

Weil, hier ist irgendwie wieder alles möglich. Ich spüre in so Momenten an fremden Orten immer viel mehr, dass man sich neu erfinden kann, wenn man es denn will. Dass man  an jedem neuen Ort auch eine neue Seite an sich entdeckt und dass ich von verschieden ICHs überall in der Welt ein Stückchen im Herzen mitgenommen habe. Jetzt bin ich alles zusammen irgendwie, alle diese ICHs. Dieses Gefühl gibt mir interessanterweise auch das Vertrauen, dass mein zu Hause nicht zwingend von einem bestimmten Ort abhängt, sondern von meiner Fähigkeit, mir selber im Herzen ein zu Hause zu geben… klingt irgendwie bescheuert? Fühlt sich aber so an.

Und ich fand das heute morgen eine total spannende Erkenntnis. Dieses Wissen darum, dass man nicht in dem Leben „gefangen“ ist, was man kennt. Dass man nicht nur dieses eine Leben leben kann. Sondern es immer die freie Wahl ist, und dass einem die Welt offen steht und eigentlich nur eine oder zwei Entscheidungen entfernt liegt. Und dass vor allem auch ein Tapetenwechsel sehr wohl was mit einem macht. Nämlich, dass man zum einen unglaublich viel in kurzer Zeit lernt (sich selber besser kennen, die neue Stadt, das neue Land, eine neue Sprache, neue tolle Leute kennenlernt…) und sich zweitens in dieser spannenden Neufindungs-Phase auch einfach sooo super lebendig fühlt. Mag sein, dass einem nach dieser ersten „Honeymoon-Phase“ an einem neuen Ort auch irgendwann der Alltag einholt und man sich vielleicht sogar wieder nach seinem alten Alltag sehnt, der vermeintlich einfacher war. Kann alles sein… das kann ich (noch) nicht sagen. Dazu war ich dann doch immer zu schnell wieder weg.

ABER selbst dann war es das wert. Für diese vielen Neuanfänge in den letzten Monaten bin ich so unglaublich dankbar. Ich bin durch nichts anderes so gewachsen in den letzten Jahren, wie durch Loslassen und wieder etwas Neues anfangen und dieser Herausforderung, sich selber dabei neu finden zu müssen, die immer auch dahinter steht.

Kennt ihr das Gedicht STUFEN, von Hermann Hesse? Mein Lieblingsgedicht und mein Mantra 🙂

STUFEN (Hermann Hesse)

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Ist es nicht schön? Und wie gemacht für Reisende. Für Wachsende. Für Entdecker. Für Neugierige. Für Lebenshungrige. Für Positive. Für Welthungrige. Loslassen… Veränderung umarmen… und immer wieder dem Zauber des Neubeginns vertrauen! Was denkst du? Schönes Gedicht oder nicht so? Fällt dir Loslassen leicht?

⇒ Mehr zum Thema loslassen: Beautiful Heartbreak. Über all die bittersüssen Abschiede auf einer langen Reise…

 

Please follow and like us:
error

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.